Zu laut: Kindergarten schickt Bobbycars nach Rumänien

bobbycarAm 15. November 2006 stellten wir eine Stadtratsanfrage zu Lärm, Lärmgrenzwerten und Anwohnerbeschwerden im Zusammenhang mit Kindertageseinrichtungen. Die Antwort von Frau Bürgermeisterin Lüth auf diese Anfragen nahm die Lokalredaktion der Freie Presse zum Anlass, einen Artikel zu dieser Problematik am 29.12.2006 zu veröffentlichen. Stadträtin Annekathrin Giegengack erläutert in diesem Artikel unseren Standpunkt.

 

Freie Presse Lokalausgabe Chemnitz, 29.12.2006:

Zu laut: Kita-Kinder müssen Spielzeug abgeben – Kindergarten schickt Bobbycars nach Rumänien – Grüne fordern Wertedebatte: Wie kinderfreundlich ist Chemnitz?

Bewohner von Adelsberg haben sich über spielende Kinder in einer Kita beschwert. Der Konflikt, der inzwischen aus der Welt scheint, ist für die Grünen im Stadtrat dennoch Anlass, eine öffentliche Diskussion anzuregen: Was sind uns unsere Kinder wert, und wie kinderfreundlich ist Chemnitz? von Grit Baldauf und Erika Hössler

Der Kindergarten am Kirchwinkel 4 in Adelsberg: Im Dorfkern des Stadtteils ist vor vier Jahren eine neue Tagesstätte mit großem Garten eröffnet worden. Adelsberg ist Zuzugsgebiet und gute Adresse für Eigenheimbauer. Nach der Schließung der alten Kita im Jahre 1992 musste dringend ein neuer Kindergarten gebaut werden. Derzeit besuchen die Einrichtung 62 Mädchen und Jungen im Alter von 1 bis 6 Jahren. Derzeit gibt es keine freien Plätze mehr, die Kita ist beliebt. Wie schwierig es allerdings ist, den Knirpsen Freiraum, Möglichkeiten zu Spiel und Entfaltung zu garantieren, darauf haben jetzt die Grünen im Stadtrat die Öffentlichkeit aufmerksam gemacht. Sozialbürgermeisterin Heidemarie Lüth bestätigte auf Anfrage der Fraktion, dass sich Anwohner beim Amt für Jugend und Familie über Lärmbelästigung beschwert haben. "Dabei ging es nicht etwa um randalierende Jugendliche oder um nächtlichen Krach", wundert sich die stellvertretende Fraktionschefin Annekathrin Giegengack. "Die Beschwerden richteten sich gegen Lärm, als die Kinder tagsüber im Garten spielten."

Die Stadtverwaltung und der Träger der Einrichtung, die Kirchgemeinde Adelsberg, verweisen auf klärende Gespräche mit den Anwohnern: "Wir haben uns auf Wege geeinigt, den Lärm zu mindern", sagt Pfarrer Daniel Förster. Der Kompromiss hält seitdem an, es gab keine weiteren Beschwerden. Und dennoch: Zu welchem Preis habe der Kindergarten seinen Frieden mit den Anwohnern geschlossen, fragt Annekathrin Giegengack, die Mutter einer viereinhalbjährigen Tochter. Die Kita-Verantwortlichen hätten etwa die meisten der angeblich so lauten Bobbycars mit einem Hilfstransport nach Rumänien geschickt – dort bringen sie nun bedürftigen Kindern Freude, die sich über lautes Spielzeug aus dem reichen Deutschland freuen dürfen. In Adelsberg sollen nun luftbereifte Laufräder die empfindlichen Ohren der Nachbarschaft schonen.

"Doch was ist, wenn Kinder mal sehr laut lachen, toben, quieken, im Sommer planschen?" fragt sich die bündnisgrüne Stadträtin. Für sie sei das Problem grundsätzlich und deshalb nicht vom Tisch. Die Grünen fordern eine Wertediskussion im Stadtrat: "Nicht nur, aber gerade auch in Zeiten des Geburtenrückgangs wollen wir kinderfreundlich sein in Chemnitz. Doch dann verwehren wir unseren Jüngsten, sich zu bewegen und im Freien zu spielen." Gelebte Kinderfreundlichkeit äußere sich eben nicht auf Aufklebern, warnt Giegengack.

Die Beschwerden aus Adelsberg seien nach Informationen aus dem Rathaus bislang ein Einzelfall in Chemnitz. Für die Grünen sind sie dennoch Anlass zu reagieren, um nicht "erschreckende Dresdner Verhältnisse" in die Stadt zu holen: "Die Landeshauptstadt hat es mit Anwohnern zu tun, die versuchen, den Neubau von Kindertagesstätten zu verhindern", weiß die Stadträtin.

Auf Landesebene hingegen kündigten die Grünen eine Initiative an, um die Lärmschutz-Regelung für Kindergärten zu korrigieren. "Die Werte sind überholt", bemängelt Giegengack. Eine Empfehlung des Sächsischen Sozialministeriums müsse dringend überarbeitet werden. "Danach soll derzeit für den Außenbereich an der Grundstücksgrenze der Einrichtungen ein Pegel von 50 Dezibel tagsüber eingehalten werden – ein vorbeifahrendes Motorrad bringt es bereits auf etwa 80 Dezibel, ein Rasenmäher auf etwa 90 Dezibel."

Stichwort Lärmschutz – Beispiele von Geräuschen und ihren Schallpegeln. Eine Zunahme um zehn Dezibel entspricht einer Verdopplung der Lautstärke: 10 Dezibel (db): Atmen, raschelndes Blatt; 20 dB: Ticken einer Armbanduhr; 30 dB: Flüstern; 40 dB: leise Musik; 45 dB: übliche Geräusche in der Wohnung; 50 dB: Regen, Kühlschrankgeräusche; 55 dB: normales Gespräch; 60 dB: Nähmaschine, Gruppengespräch; 65 dB: Kantinenlärm; 70 dB: Fernseher, Schreien, Rasenmäher; 75 dB: Verkehrslärm; 80 dB: Telefonläuten, Presslufthammer; 90 dB: Lastwagen; 100 dB: Ghettoblaster; 110 dB: Diskomusik, Sinfoniekonzert, Motorsäge, Autohupe; 120 dB: Kettensäge, Presslufthammer, Gewitterdonner; 130 dB: Autorennen, Düsenjäger. Ab einem Dauerschallpegel von 60 Dezibel treten Stressreaktionen im Schlaf auf, ab 80 dB kann die Gesundheit leiden. Die Schmerzgrenze liegt bei 130 dB, dann hält sich ein Mensch automatisch die Ohren zu. Lärmeinwirkung von 150 dB verursacht in Sekunden irreparable Schäden.

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