Mitglieder im Gespräch: Michael Stötzer

Wir stellen in unregelmäßigen Abständen einige unserer Mitglieder vor. Diesmal: Michael Stötzer, Baubürgermeister in Chemnitz. Er ist seit März 2016 Mitglied in unserem Kreisverband und lebt mit seiner Familie, zu der zwei Kinder gehören, in Chemnitz.

Michael, Du bist nun seit einem Jahr Mitglied bei den GRÜNEN in Chemnitz. Was waren Deine Beweggründe einzutreten?

Demokratie lebt von Beteiligung – vom persönlichen Engagement. Unsere Demokratie braucht gegenwärtig jeden, dem sie etwas bedeutet und der mitwirken kann. Es war deshalb auch an der Zeit, mich politisch mit einzubringen.

 

Berufsbedingt hatte ich mich schon seit langem mit politischen Entwicklungen in den Energie-, Verkehrs- und Umweltthemen sowie mit nachhaltigem Bauen und Stadtentwicklung beschäftigt. Mit diesen Themen setzen sich die Grünen am intensivsten auseinander und befördern damit immer wieder neue Lösungen für bestehende Probleme.

Darüber hinaus hat mich das stringente Eintreten der Grünen für Menschenrechte oft beeindruckt. Egal woher die Menschen stammen, Menschenrechte sollten für alle gleich gelten – sie sind kein Vorrecht nur einer Klientel. Insbesondere diese Haltung der Grünen wurde in den letzten Jahren deutlich und damit auch sehr glaubwürdig.

Seit wann lebst Du in Chemnitz? Was hat Dich bewogen herzuziehen und was magst Du an unserer Stadt?

Ich bin 1989 zum Beginn der politischen Wende nach Chemnitz gekommen, um hier eine Baufacharbeiterlehre mit Abitur beim Wohnungsbaukombinat zu beginnen.

Chemnitz musste sich seit dem sehr stark verändern und tut es immer noch. Industriestädte sind eigentlich immer gefordert sich Veränderungen zu stellen. Dies macht die Industriestadt Chemnitz für mich auch so spannend und lebendig.

Es ist aber auch eine lebenswerte Stadt für Familien geworden – auch für meine Familie – mit guten Angeboten in fast allen Bereichen. Damit ist Chemnitz noch lange nicht perfekt, aber auf einem guten Weg, den man selbst mitgestalten kann.

Seit August 2015 bist Du Baubürgermeister in Chemnitz. Was sind Deine Ziele als GRÜNER Baubürgermeister in den nächsten Jahren?

Das Hauptziel ist für mich eine kompaktere, urbane Stadt. Wir beanspruchen noch zu viel an Flächen für die Anzahl an Bewohnern. Zu viele Verkehrsflächen, zu viel Infrastruktur und auch noch zu viele versiegelte Brachflächen. Wir müssen verstärkt diese Brachflächen als Potentiale für die Stadtentwicklung reaktivieren oder konsequent renaturieren. Nur so können wir weitere Expansion und Flächenerosion verhindern und nur so ist es möglich, langfristig sparsamer zu handeln und den Verbrauch an Ressourcen in fast allen Bereichen nachhaltig zu verringern.

Unser Stadtverband hat gerade wieder gefordert, jährlich mindestens 500 neue Straßenbäume zu pflanzen, da die Nachpflanzungen auf einem niedrigeren Niveau stagnieren. In einem Mitgliederbeschluss von 2015 fordern wir zudem, den Fußverkehr in Chemnitz stärker zu fördern, Gehwege Instand zu setzen und Ampelschaltungen anzupassen. Wir wollen keine Parkplätze in grünen Innenhöfen dafür aber den weiteren Ausbau des Radwegenetzes. Auf all diesen Feldern konntest Du schon einige Erfolge verbuchen bzw. Weichen neu stellen. Was haben wir bereits erreicht, wo gibt es noch Nachholebedarf?

Ergebnisse bei den Themen Stadtentwicklung- Verkehr und Bauen entstehen meist mittelfristig erst nach mehrjährigen Abstimmungs-, Planungs- und Bauprozessen. Aber richtig – wir stellen jetzt schon die Weichen.

Mit dem aktualisierten Nahverkehrsplan von 2016 wird es nun wieder neue zusätzliche Angebote im ÖPNV geben. Ein stufenweiser Ausbau des ÖPNV ist im Nahverkehrsplan als klares Ziel verankert.

Es wurde deutlich mehr in Rad- und Fußwege investiert und neue Projekte vorbereitet, denn insbesondere in diesem Bereich gibt es einen großen Nachholbedarf. Das Radverkehrskonzept ist weiter kontinuierlich fortzuschreiben und zu optimieren. Zur Verbesserung der Bedingungen für den Fußgängerverkehr beteiligt sich Chemnitz als Modellstadt an der Erarbeitung eines Leitfadens für bundesweite Standards. Dazu wird Chemnitz auf Schwachstellen und Verbesserungsbedarfe hin analysiert und ausgewertet. Diese theoretische Vorarbeit ist wichtig für unser weiteres Vorgehen.

Chemnitz bezieht seit dem letzten Jahr zum ersten Mal Grünen Strom und arbeitet noch stärker an der Energieeinsparung, z.B. mit dem Konzept zur schrittweisen Einführung einer LED-Straßenbeleuchtung. Es werden größere Projekte im Hochbau vorbereitet und umgesetzt, die nur noch mit regenerativen Energieträgern beheizt werden.

Als erste Großstadt im Osten Deutschlands hat Chemnitz beim European Energy Award nach zweimal Silber im letzten Jahr nun Gold gewonnen. Darauf dürfen wir zwar stolz sein, uns aber nicht ausruhen. Diese Auszeichnungen sollten vor allem Motivation sein, noch mutiger vor zu gehen.

Letzteres muss auch das Ziel im Bereich des Stadtgrüns werden. Die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel, die damit betriebene Pflege und dem gegenüber der bedeutende Stellenwert des Stadtgrüns für das Stadtbild und die Lebensqualität stehen gegenwärtig noch nicht im richtigen Verhältnis.

Ein wichtiger Baustein wird deshalb in 2017 ein Straßenbaumkonzept für Chemnitz sein. Zum ersten Mal werden dann für unsere Stadt Standards für das Straßenbegleitgrün festgelegt und zum Maßstab des Handelns erklärt. Weitere Konzepte zum öffentlichen Grün in Parks und auf Plätzen müssen noch folgen.

Wenn GRÜNE Ideen Mainstream werden, wie sieht Chemnitz in 10 Jahren oder 20 Jahren aus?

Chemnitz muss in den nächsten 20 Jahren für sich die Energiewende geschafft haben. Sicher lässt sich auch das Mobilitätsverhalten schrittweise positiv verändern. Das prognostizierte moderate Wachstum in den nächsten 10-20 Jahren wird städtebauliche Wunden heilen und Chemnitz stark bereichern.

Aber für jede Weiterentwicklung braucht es auch eine Grundlage.

Chemnitz war in seiner Vergangenheit, ist es und wird nach meiner Auffassung auch zukünftig der bedeutendste Wirtschaftsstandort im Osten Deutschland sein. Dies kann gelingen, wenn die gute Wechselwirkung aus Wissenschaft, Industrie und Gewerbe getragen wird von innovativen und vor allem nachhaltigen Technologien, die hier entwickelt und produziert werden. Hierfür muss die Stadt nicht nur die Rahmenbedingungen schaffen, sondern muss diese Philosophie auch vorleben. Nachhaltigkeit muss dazu die selbstverständliche Kultur unserer Stadtgesellschaft werden. Das geht weit über das Thema Bauen hinaus – so verstehe ich Grüne Ideen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte: Anne Günther

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