Jörg Schuster

Jörg Schuster

Mitglieder im Gespräch: Dr. Jörg Schuster

Die Chemnitzer Grünen, was sind das eigentlich für Leute? Martin Schmidt interviewt verschiedene Mitglieder. Diesmal: Dr. Jörg Schuster, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, 44 Jahre lebt auf dem Kaßberg

Jörg, du bist seit genau einem Jahr Mitglied bei uns. Wie kam es dazu?

Ich sympathisiere schon lange mit grüner Politik. Im Frühjahr 2012 habe ich mit den Chemnitzer Grünen Kontakt aufgenommen und mit der AG Stadtentwicklung sofort ein interessantes Betätigungsfeld gefunden. Im Oktober 2012 habe ich mich dann für eine Mitgliedschaft entschieden.

Als Naturwissenschaftler kennst du die Vorwürfe gegen Bündnisgrüne zur Genüge. Sind wir Technikfeinde und Waldmenschen, wie es manche behaupten?

Nein, in Chemnitz kann ich das überhaupt nicht feststellen. Die Chemnitzer Grünen sind doch ganz normale Leute. Ideologie findet man hier ohnehin kaum, in Gesprächen ist oft die Bereitschaft da, eigene Positionen zu hinterfragen.

Welche Themen sind dir besonders wichtig?

Mir sind Themen wie Verkehrswende, Stadtentwicklung und Energiewende sehr wichtig. Im Gegensatz zu den anderen Parteien suchen wir nach Lösungen, welche z.B. Fußgänger und Radfahrer im städtischen Raum nicht benachteiligen. Zudem müssen wir uns dafür stark machen, dass Planungen transparent und mit Bürgerbeteiligung durchgeführt werden – zu viele wichtige Entscheidungen werden in Chemnitz noch immer im stillen Kämmerlein getroffen.

Was meinst du damit konkret?

Wir müssen z.B. einfach die Bedingungen für Radfahrer und Fußgänger in Chemnitz verbessern, dann steigen auch mehr Leute aufs Fahrrad oder ihre eigenen Füße um – natürlich ohne Zwang und Druck. Es sind oftmals Kleinigkeiten, wie unzumutbare Ampelphasen oder Hindernisse aber auch viele ernsthafte Probleme wie kaputte Wege, unsichere und teils absurde Wegführungen, die den nicht motorisierten Verkehr behindern. Würde man den Autofahrern in Chemnitz Ähnliches zumuten, gäbe es wahrscheinlich längst wieder riesige Montagsdemos.

Spannend fände ich es zudem, entlang der vielen Wasserläufe in Chemnitz Grünzüge zu entwickeln bzw. auszubauen, die man als grüne Oasen, aber auch als attraktive Magistralen für Fußgänger und Radfahrer nutzen kann.

Wie stellst du dir Bürgerbeteiligung vor?

Transparenz und Bürgerbeteiligung sind spannende Themen. Ich habe kein Patentrezept, aber wesentlich scheint mir, dass der interessierte Bürger Zugang zu Informationen haben muss, die ihn in die Lage versetzen, mit der Verwaltung auf Augenhöhe zu diskutieren!

Chemnitz hat in der Innenstadt riesige Fahrbahnen – was muss aus deiner Sicht passieren?

Wir müssen Straßen endlich als Lebensraum begreifen, wo nicht nur Autofahrer zu finden sind. Wir haben in einigen Bereichen grotesk überdimensionierte Fahrbahnen. Warum nicht Fahrspuren stärker für den ÖPNV und den Rad- und Fußverkehr nutzen? Im Übrigen wäre dies ein sehr guter Beitrag zur Belebung der Innenstadt. Flanierende Menschen sind potenzielle Kunden.

Im Übrigen sieht man ja immer mehr Radler und Fußgänger im Stadtbild. Ich bin guter Hoffnung, dass in dieser Hinsicht in Chemnitz langsam ein wenig Normalität einkehrt.

Du bezeichnest dich selbst als Genussmensch. Gutes Essen ist dir sehr wichtig. Was kannst du da in Chemnitz empfehlen?

Ach, da gibt’s Vieles! Ich mag gern mal bodenständige Küche wie bei Onkel Franz auf dem Kaßberg aber ab und zu auch mal die feine Küche, etwa bei Alexxanders auf dem Sonnenberg. Auch das Chemnitzer Umland bietet einige gute Adressen, die man zudem ganz gut mit ausgedehnten Wanderungen verbinden kann. Seit kurzem gibt es übrigens sogar mehrere Empfehlungen von Slow Food in der Region! Oft koch ich auch selbst, da schmeckt’s natürlich auch gut.

Stichwort Veggie-Day?

Ach, diese Veggie-Day-Diskussion … Ich finde, die Kantinen sollen einfach leckere vegetarische Angebote machen, dann greifen die Leute auch zu! Von Zwang halte ich nichts. Ich koch ja selbst auch gern mal vegetarisch und weiß, dass man da mit wenig Aufwand Leckeres zubereiten kann.

Weniger und bewusster Fleisch zu konsumieren ist sicher richtig. Tiergerecht und nachhaltig produziertes Fleisch aus der Region schmeckt ja auch besser. Generell sollten wir bewusster mit Lebensmitteln umgehen. Ich kaufe gern auf dem Markt ein und koche viel mit regionalen und saisonalen Lebensmitteln. Da bekommt man Vielfalt und Geschmackserlebnisse, die man mit Supermarktware einfach nicht erreicht!

Was ist für dich noch Lebensqualität?

Zeit für mich zu haben, für Dinge die mich interessieren und natürlich für Unternehmungen mit meinem Partner. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, nur noch vier Tage die Woche zu arbeiten, denn Zeit ist mir wichtiger als viel Geld. So bleibt mir ein zusätzlicher Tag um beispielsweise über den Markt zu bummeln und zu kochen, oder fürs Gärtnern oder all die anderen Dinge, die ich mag. Natürlich nutze ich die Zeit auch für mein Engagement bei den Grünen und in der Stadt!

Aber auch mit dem Rad durch die Stadt oder auf Arbeit zu fahren ist ein Stück Lebensqualität. Meine Kollegen meinen, dass ich dadurch immer total entspannt auf Arbeit ankomme (lacht).

Du hast dich bewusst entschieden, in Chemnitz zu bleiben. Warum?

Zum einen natürlich weil ich Partner und Familie hier habe. Chemnitz ist aber auch lebens- und liebenswerter als es bisweilen gemacht wird. Wir haben eine exzellente Oper und Philharmonie, tolle Museen, aber eben auch sehr viel Grün. Ich wandere sehr gern und da ist die Nähe zum Erzgebirge einfach genial.

Was sollte sich ein Gast in Chemnitz unbedingt ansehen?

Den Kaßberg, das Industriemuseum und das Museum Gunzenhauser. Alle drei Dinge sind einmalig und faszinierend. Wenn dann noch Zeit ist, sollte man den Park Lichtenwalde besuchen.

Stichwort Theater: Wie schätzt du als regelmäßiger Gast die aktuelle Situation ein?

Ich kann die Stimmung der Musiker verstehen. Sie haben schon lange auf Geld verzichtet. Man kann nicht erwarten, dass die Leute Jahrzehnte unter Tarif arbeiten. Die Stadt muss hier mehr Ehrlichkeit beweisen. Wollen wir das Theater und die Oper in dieser Form erhalten? Wenn ja, dann kann man nicht dauerhaft mit eingefrorenen Zuschüssen arbeiten, das ist Augenauswischerei! Chemnitz zieht mit seinem kulturellen Angebot Menschen an. Wir sollten dies als Chance sehen!

Was fehlt in Chemnitz?

Eine vitale, urbane Mitte, in der man sich gern aufhält! Es hat sich viel getan die letzten Jahre, aber es ist noch immer viel zu tun. Es ist fatal, wenn sich die Stadt von einem einzigen Investor abhängig macht. Wir sollten den Mut haben, anspruchsvolle Architektur zu fordern, nicht nur in der City! Chemnitz braucht keine weiteren Zweckbauten. Vielleicht ist ja bürgerbeteiligtes Bauen auf kleinen Parzellen ein sinnvoller Ansatz, um buntes Leben in die Stadt zu bekommen? Schließlich ist Chemnitz in seinen besten Jahren so gewachsen. Stolze Bürger haben sich eine Stadt gebaut! Das brauchen wir wieder!

Was stört dich nach dem ersten Jahr an Grüner Politik?

Diese ganzen „Fundis gegen Realos“ Diskussionen sind mir noch immer suspekt. Zum Glück spielt das im Stadtverband keine Rolle. Mein Interesse liegt ganz klar bei der Lokalpolitik, ich will hier in Chemnitz etwas verändern. In unserem Stadtverband vermisse ich manchmal noch ein wenig das Wir-Gefühl. Vielleicht sollten wir einfach öfter mal was zusammen unternehmen oder auch mal ein Bier zusammen trinken.

Und warum sollte jemand bei uns mitmachen?

Weil wir wohl nur mit starken Grünen in Chemnitz etwas ändern können. SPD, Linke und CDU sorgen in der Stadt seit Jahren für Kontinuität im negativen Sinne. Wenn wir da raus wollen, brauchen wir Leute, die sich bei uns engagieren!

Jörgs Internetseite finden Sie hier.

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