Neubau

Positionspapier Stadtentwicklung: Gutes Leben in Chemnitz ermöglichen

Nach einem intensiven Diskussionsprozess hat die Mitgliederversammlung von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN am 2. Juli 2012 ein Positionspapier zur Stadtentwicklung beschlossen.

Demographischer Wandel, Klimaveränderungen, die Verknappung fossiler Brennstoffe oder Einnahmerückgänge im Stadthaushalt schaffen neue Bedingungen für das Zusammenleben in der Stadt. BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN wollen auch unter diesen Bedingungen bezahlbares Wohnen und gutes Leben in Chemnitz ermöglichen. Deshalb setzen wir auf einen Wechsel hin zu kompakten energie- und ressourceneffizienten Siedlungsstrukturen und Gebäuden.

Die urbanisierte Fläche der Stadt Chemnitz ist – gemessen an der Einwohnerzahl viel zu groß. Heute wohnen 160.000 Menschen im Stadtgebiet der 30-ger Jahre, auf dem früher bis zu 350.000 Menschen wohnten. Dieses Missverhältnis führt zu immer höheren Kostenbelastungen für Stadthaushalt und Einwohner. Wir wollen die Stadt nach dem Grundsatz „umso zentraler – desto kostengünstiger“ entwickeln, d. h. Bewohnerinnen und Bewohner zentraler Siedlungsstrukturen von den Kosten überdimensionierter Infrastruktur entlasten und mit einer anderen Siedlungspolitik Bauwillige und Mietinteressenten in die Kerne und nicht an die Ränder locken.

In Chemnitz sollen sich alle Menschen wohl fühlen. Der notwendige Umbau gelingt, wenn er mit den Bürgerinnen und Bürgern erfolgt. Die Ziele sind dabei: Eine Stadt der kurzen Wege, bezahlbarer und ökologischer Wohnraum, lebenswerte Quartiere und Stadtteile sowie eine Urbanität mit Kultur, Sport und Leben.

Der Wohnungsneubau soll auf vorhandene Siedlungsachsen konzentriert werden. Siedlungswohnungsbau soll vorrangig in bereits erschlossenen Gebieten erfolgen.

Ein Rückbau von Wohngebäuden des industriellen Wohnungsbaus muss vom Rand hin zu den Siedlungsachsen und Bereichen mit sozialer Infrastruktur erfolgen. Die Erhaltung der gründerzeitlichen Bebauung hat absoluten Vorrang, da sie stadtbildprägend ist.

Eine Ausdünnung unter Zurücklassung einer überdimensionierten und kostspieligen Versorgungsinfrastruktur ist nicht sinnvoll. Ein Teilrückbau von Wohnhäusern ist meist weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll. Um den von uns gewollten Stadtumbau zu ermöglichen, muss der/die Oberbürgermeister/in einen Ausgleich zwischen der GGG und den Wohnungs­genossenschaften organisieren. Bei der Vergabe von Fördermitteln für den Stadtumbau sollen private Eigentümer in gleichem Maße berücksichtigt werden, wie die Großvermieter. Um einzelne Häuser zu sichern, sind weitere Wächterhäuser und alternative (Wohn-) Projekte unterstützens­werte und sinnvolle Ansätze. Bürgerinnen und Bürger sowie Vereine, die dieses Konzept vertreten und umsetzen, verdienen Unterstützung. Die städtische Siedlungsstruktur ist geprägt durch eine Blockrandbebauung. Neubauten sollen dieser Blockbebauung folgen und sich dieser in ihrem städtebaulichen Erscheinungsbild anpassen. Vorrangig sollen Lücken geschlossen werden. Wir möchten, dass begrünte Innenhöfe erhalten und von Parkplätzen frei gehalten werden. Wir unterstützen das 2011 vom Stadtrat beschlossene Siedlungswohnungsbaukonzept.

In den dicht besiedelten Gebieten sollen Straßenräume den Menschen zurückgegeben werden. Dies ist nur möglich, wenn attraktive Mobilitätsangebote im Umweltverbund geschaffen werden. Wenn Wohnen, Bildung, Versorgung und Arbeitsplätze in nicht störendem Gewerbe auch fußläufig erreichbar sind, ermöglicht dies den Rückgang des motorisierten Individualverkehrs, der derzeit an vielen Stellen die Aufenthaltsqualität in urbanen Bereichen erheblich verschlechtert. Wir wollen, dass die Innenstadt durch eine lebendige Mischung aus Wohnen, Handel und Gewerbe geprägt wird.

Für neue Handels- und Gewerbeflächen sollen vorrangig innerstädtische Industriebrachen nachgenutzt werden. Historische Bebauung soll dabei weitmöglichst erhalten und neuen Nutzungen zugeführt werden. Der großflächige Einzelhandel am Stadtrand muss reduziert werden. Wir unterstützen das Anliegen des Einzelhandels- und Zentrenkonzeptes der Stadt ausdrücklich.

 

Positionierung 2009

Das war unsere Podiumsdiskussion „Stadtentwicklung in Zeiten knapper Kassen“

Gestartet wurde die Podiumsdiskussion am 23. Juni von unserem Bundestagsabgeordneten Stephan Kühn mit Fragen nach dem Plus und Minus der letzten 20 Jahre Stadtumbau in Chemnitz. Das Bauen auf der „grünen Wiese“ Anfang der 90er und die zu geringe Konzentration auf das Stadtzentrum befanden alle Podiumsredner als Schwachpunkt.

Gelobt wurde deshalb das neue Zentren-Konzept der Stadt Chemnitz, einschließlich der neuen Qualität des Bürgerbeteiligungsprozesses. Die große Abrisswelle sei vorbei und die Aufwertung von Wohngebieten bestimmt künftig den Stadtumbau, so die Baubürgermeisterin Wesseler.

Getadelt wurde die unzureichende Beachtung der ökologischen Änderungen (sächsischer Klimabericht) und die ungenügende Fokussierung auf klimaschonendes Bauen und Sanieren. Mit der künftigen Zertifizierung für ökologischen Stadtumbau wird eine Qualitätswende erreicht werden.

Stadtentwicklung und Verkehrsplanung sind oft nicht zusammen entwickelt worden. Jetzt gibt es ein Verkehrskonzept, welches den überdimensionierten Ring um das Stadtzentrum dem tatsächlichen Verkehrsaufkommen anpassen wird, eine bessere Straßenraumqualität schafft, die Fußläufigkeit und Radfahrmöglichkeit verbessert, attraktive Begrünung ermöglicht und den Fluss Chemnitz erlebbar in das Stadtbild aufnimmt, so die Baubürgermeisterin Wesseler und der Stadtrat Thomas Lehmann.

Mit der geplanten Erweiterung des Schienenprojektes „Chemnitzer Modell“ wird eine Belebung der Innenstadt erwartet. Überraschung brachte die ablehnende Äußerung eines Studenten zum geplanten TU-Innenstadt-Campus und der Belebung des Brühl als künftigen Studenten-Wohnort. Man will in Bernsdorf bleiben!

Quartiersmanagerinnen und Vertreter von Bürgerinitiativen kritisierten die Einschnitte bei der Städtebauförderung. Jeder Euro dieser Förderung verdoppelt sich. Und die Schaffung einer engagierten Bürgerschaft in den Stadtteilen ist unersetzbar.

Die gute wirtschaftliche Entwicklung und die Möglichkeiten, die sich aus dem Chemnitzer Modell und den versprochenen Landesmittel ergeben, sind eine Chance, die wir als Bündnisgrüne erkennen und mitgestalten werden. Das täuscht uns nicht über die mögliche Ausdünnung im nichtinvestiven Bereich, die Schwierigkeiten bei der Schaffung einer Energiewende und die immensen Aufgaben bei der Schaffung eines kompakten Stadtkerns hinweg.

Wir bleiben am Thema und werden im Herbst ein Positionspapier beschließen.

Fotos und Text von Steffi Zaumseil, Sprecherin des Stadtverbandes Chemnitz

 

Auf dem Podium saßen Baubürgermeisterin Petra Wesseler, Architekt Frank Kotzerke, Stadtrat Thomas Lehmann, Ullrich Hintzen, Vorstand FASA AG Chemnitz, und MdB Stephan Kühn als Moderator.

 

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